Derzeit arbeite ich an einer digitalen Rekonstruktion von Oberwart um 1857 auf Basis des Franziszeischen Katasters. Der Aufnahme-Zeitpunkt des Gebiets um Oberwart ist mit 1857 datiert, daher mein Projektname.
Ausgangspunkt ist für mich weniger ein klassisches Architekturprojekt als vielmehr der Versuch, eine historische Kulturlandschaft wieder lesbar zu machen: Straßenräume, Bauernhäuser, Höfe, Bachläufe, Felder, Vegetation und jene räumlichen Zusammenhänge, die im heutigen Ortsbild oft nur noch schwer oder gar nicht mehr erkennbar sind.
Das Projekt ist stark persönlich motiviert. Als jemand mit Heimatbezug zu Oberwart und großer Verfechter alter Bausubstanz interessiert mich die Frage, wie sich die Geschichte eines Ortes nicht nur erzählen, sondern mit Instrumenten unserer Zeit (Echtzeit / Virtual Reality / Digital Twin) räumlich erfahrbar machen lässt. Der Franziszeische Kataster ist dafür eine außergewöhnliche Grundlage, weil er nicht bloß Parzellen und Gebäude dokumentiert, sondern ein ganzes Gefüge aus Siedlung, Nutzung und Landschaft sichtbar macht.
Zugleich konnte ich mich bereits im Rahmen mehrerer wissenschaftlicher Arbeiten intensiver mit der historischen Bausubstanz, ihrer Erscheinungsmerkmale und räumlichen Logik auseinandersetzen.
Ein Schwerpunkt liegt auf der Rekonstruktion von Veränderungen, die die Kulturlandschaft seitdem überformt haben. Dazu gehören etwa historische Bachläufe der Pinka, die heute teilweise verschwunden, verlegt oder nur noch indirekt nachvollziehbar sind. In manchen Fällen lassen sich diese alten Verläufe sogar in aktuellen Luft- und Satellitenbildern noch erahnen. Solche Überlagerungen von historischem Kartenmaterial und gegenwärtiger Landschaft sind für mich besonders spannend, weil sie zeigen, dass Vergangenheit oft nicht verschwunden ist, sondern nur schwer lesbar geworden ist.

Technisch entsteht das Projekt als Echtzeitumgebung in „Unreal Engine“. Da Oberwart in dieser Zeit aus hunderten bäuerlichen Gebäuden bestand, wäre eine vollständige manuelle Modellierung mit den mir verfügbaren Ressourcen weder sinnvoll noch realistisch. Stattdessen entwickle ich einen prozeduralen Workflow: In QGIS werden zunächst Flächen, Baukörper und bauliche Eigenschaften segmentiert, anschließend werden diese Grundformen mit einem selbst erstellten Tool in unterschiedliche Gebäudetypen überführt. So lassen sich Dachformen, Materialien, Feuerwände, konstruktive Merkmale und weitere Eigenschaften parametrieren, ohne jede Struktur einzeln von Hand bauen zu müssen.




Auch die Topographie basiert auf öffentlich zugänglichen Geodaten, die jedoch für eine historische Rekonstruktion zuerst bearbeitet werden müssen. Jüngere Eingriffe in die Landschaft werden, soweit möglich, wieder entfernt oder zurückgeführt, um sich dem Zustand des 19. Jahrhunderts anzunähern. Dadurch geht es nicht nur um Gebäude, sondern um die Rekonstruktion eines gesamten räumlichen Zusammenhangs.
Für die Landschaft selbst versuche ich, nicht einfach generische Vegetation zu verwenden. Äcker, Uferzonen, Bäume und Wiesen sollen möglichst nah an der regionalen und historischen Realität liegen. Dafür fließen sowohl Vor-Ort-Recherche als auch historische Hinweise zu Pflanzen, Feldfrüchten und Nutzungsmustern ein. Mich interessiert dabei besonders, wie sehr sich die Wirkung eines Ortes verändert, sobald nicht nur die Häuser stimmen, sondern auch das Umfeld, in dem sie standen.

Ein erstes Teststück der Rekonstruktion ist derzeit der Bereich rund um Johann-Straußgasse und Graf-Erdödystraße. Dort zeigt sich bereits gut, wie stark sich Topographie und Gewässerführung verändert haben. Solche Ausschnitte dienen mir im Moment als Versuchsfelder, um technische Methoden, räumliche Stimmung und historische Plausibilität zusammenzubringen. Die prozedurale Modellierung schafft dabei die Voraussetzung, den rekonstruierten Bereich später effizient auf weitere Teile des Stadtgebiets auszudehnen.

Langfristig könnte aus dieser Arbeit mehr entstehen als ein reines Visualisierungsprojekt. Denkbar wäre etwa ein musealer Showroom in Oberwart, zum Beispiel mit einem Multitouch-Tisch, über den man in diese historische Modellwelt eintauchen kann – eventuell auch mit mehreren Zeitebenen (z.B.: die Anfänge der Siedlung, aber auch der Ist-Zustand). Ebenso reizvoll fände ich eine stärkere Einbindung von Alltagskultur – etwa bäuerliche Geräte, regionale Musik, ungarisch geprägte Kulturspuren oder Figuren im Ortsraum. Auch erzählerische Formate wären vorstellbar. Im Moment ist das Projekt aber vor allem eines: eine persönliche Leidenschaft, ein technischer Spielplatz und eine Annäherung an die Geschichte meiner Heimatstadt.












































