Historische Hofarchitektur im Südburgenland – Giebelfrontenhäuser – Die Fassade

Bemerkenswert – und vor allem bei den Arkadenhäusern in Oberwart anzutreffen – ist
die nicht selten gefärbte Schaufassade. Diese Färbung wurde aber an den
anschließenden Seiten nicht fortgesetzt (oder nur bis zum Ende des Schmuckgesimses),
sodass der restliche Baukörper weiterhin weiß belassen wurde.

Arkadenhöfe Schaufassaden Oberwart, im ersten Bild ist gut der im vorherigen Eintrag erwähnte „Zahnschnitt“ ersichtlich.

Die Farbe Gelb stellte ich bei meinen Besuchen am häufigsten fest. Dieses Gelb spricht wieder für einen Ursprung in der Schlossarchitektur (Schönbrunnergelb).

Die ältesten Arkadenhäuser in Oberwart waren aber alle weiß und relativ schlicht und haben sich am Vorbild der reformierten Kirche orientiert. Richtungsweise war die reformierte Kirche bzw. deren Pfarrhof auch bei den restlichen Gestaltungsmerkmale der Oberwarter Arkadenhäuser wie z.B.: den Pilastern. (selbst der kleine Abstand zum Gesimse zeigt sich an den Häusern)

Gegenüberstellung des reformierten Pfarrhofs in Oberwart (links) mit einem Arkadenhof in Oberwart(rechts)

Abseits der Fassadengliederung durch schlichte Putzelemente wie Lisenen, Faschen und Pilaster gibt es auch schöne Stuckarbeiten an der Fassade, wobei es auch hier eine Differenzierung in der Qualität gibt: So finden sich die amateurhaften, „handgeformten“ Zierelemente und die fachmännisch erstellten Stuckarbeiten, allsamt noch heute in Oberwart anzutreffen.

Stuckelemente Fassaden Oberwart

Bei den jüngeren Giebelfrontenhäuser in der ersten Hälfte des 20.Jh findet man die selbe secessionistische Gestaltung wie bei den Kniestockhäusern. Dem abstrakt
geometrischen Historismus ist außerdem zu verdanken, dass das Ornament der Raute – ursprünglich ein Fruchtbarkeitssymbol der Bauerkunst – wieder häufig an der Fassade auftrat. (fand ich nur an Satteldachhäusern, v.a. in Region um Großpetersdorf)

Giebelfrontenhäuser jüngeren Datums (~1930)

Die Mörtelschnittfassade stellt einen Spezialfall/Einzelfall beim Giebelfrontenhaus dar.
Im Gegensatz zu den Nachbarländern Ungarn oder Slowakai, wo diese Technik
auch bei diesem Gebäudetypus häufig angewendet wurde, fand ich bei meinen Untersuchungen mit dem- leider vor allem durch den Brand 2013  bekannt gewordenen https://www.meinbezirk.at/oberwart/c-lokales/105-mann-bei-grossbrand-in-aschau-im-einsatz_a741710 – Hakenhof in Aschau nur mehr ein Giebelfrontenhaus im Südburgenland, dessen Fassade mit dieser Technik modelliert wurde.

Der Hof liegt in naher Umgebung zu den anderen bekannten Höfen mit Mörtelschnittfassade, auf welche bei meinem Eintrag zu den Breitfassadenhäusern noch eingegangen werden wird. Auch hier gibt es kein Geschossgesimse und interessanterweise hat man auf ein abgeschopftes Dach verzichtet. 

Hakenhof Aschau

Historische Hofarchitektur im Südburgenland – Giebelfrontenhäuser – Der Giebel

Die Betonung der Giebel erfolgte bei straßenseitigen Giebeln – sie waren das „Gesicht“
des Hauses, welche dem Betrachter zuerst ins Auge fielen.
Wie bereits erwähnt begründet die Dachform die Giebelform. Daraus folgt eine leicht
unterschiedliche Ausführung der Giebelflächen:

Giebelformen

Die Höhe bzw. Breite der Lüftungsluken ist also abhängig von der Dachform, durch die
unterschiedliche Höhe des Giebels.
Gab es beim Trapezgiebel (z.B.: in Oberwart) immer zwei rechteckige Lüftungsluken
(nur in Aschau fand ich drei), gab es beim Dreiecksgiebel verschiedene Formen:
Häufig brachte man nur ein Fenster an, welches insgesamt aber größer war als die zwei
Luken zusammen. 

Dreiecks-Giebel im Bez OW, klassische Fenster

Im Gebiet um Großpetersdorf (wo das Satteldach sehr häufig anzutreffen ist) bevorzugte man bei den jüngeren Bauten um  1900 ein Rundbogenfenster, da sich dieses besonders
harmonisch in eine Dreiecksform einschreiben lässt. Auch finden sich vereinzelt Varianten mit mehreren Rundbogenfenstern, welche uns auch bei der Schmalseite der
Breitfassadenhäuser begegnen. (späterer Blogeintrag)

Dreiecks-Giebel im Bez. OW, Rundbogenfenster
Dreiecks-Giebel im Bez. OW, multiple Rundbogenfenster

Die zusätzliche Höhe des Dreicksgiebels ermöglichte auch noch das Anbringen einer
Heiligenfigur, was ich in Jabing (Gebäude Blogeintrag „Symmetrieproblem“) und Rotenturm vorfa
nd.

Ein erwähnenswertes Detail fand ich bei Häusern mit Dreiecksgiebel im
Oberwarter Bezirk, aber auch im Mittelburgenland (Lutzmannsburg):
Durchgehend findet sich hier am Giebel das umlaufende Putzband oder Giebelgesims,
welches durch eine Quaste oder Glocke an der Giebelspitze geschmückt wurde.  Der genaue Ursprung lässt sich nicht mehr nachverfolgen. Dieses Schmuckelement ist ein typisches Element des Josphinischen Stils und Zopfstils (Barock unter Joseph II, welcher uns bereits durch die Abschaffung der Leibeigenschaft bekannt ist. Er dürfte also einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf das Aussehen der Bauernhäuser gehabt haben) – ursprünglich lässt sich dieses Schmuckelement aber bis in die Antike zurückzuverfolgen. Guttae des griechischen Tempels, z.B.:  http://Guttae des griechischen Tempels, z.B.: https://de.wikipedia.org/wiki/Gutta

Es findet sich im Burgenland v.a. an Kirchen und Schlössern.

Quaste / Glockenornamentik am Schloss Kohfidisch an der reformierten Kirche in Oberwart

Interessanterweise erlebte dieses Schmuckelement auch an städtischen Gebäuden stilisiert erst mit dem Secessionsstil seinen Höhepunkt. So verwundert es nicht, dass es oft in überbordender Anzahl bei den bereits erwähnten Bauten um 1900 auftritt.

Secessionistisches Wohnaus Wien & Kellerstöckl Eisenberg

Das älteste von mir gefundene Bauernhaus mit diesem Element ist aber bereits das oft
gezeigt Arkadenhaus in Jabing von 1798 (das mit dem Symmetrieproblem) – somit muss dieses Element bereits vorher auf das Bauernhaus übertragen worden sein.

Sehr typisch für das südliche Burgenland ist das häufig profilierte und ab und zu auch
mit sogenanntem „Zahnschnitt“ profilierte Geschossgesimse, welches das
Giebelfeld vom darunterliegenden Feld trennt. Findet man Sowohl beim Giebelfrontenhaus, aber
auch beim Breitfassadenhaus mit Schmuckgiebel.

Dieses wird ca. 50 cm ums Eck gezogen und findet sich sowohl beim Schopfwalm– als auch beim Satteldach (wobei es aber bei dieser Dachform auch fehlen kann, um eine ganzheitliche Fassadengestaltung zu ermöglichen, siehe Mörtelschnitt-Fassade späterer Blog Eintrag). Dieses Gesimse wurde stets entweder mit  Biberschwanz- oder unverfalzten Strangdachziegeln (Wiener Tasche) eingedeckt. Die letztere Variante findet man durchgehend bei den älteren Bauten vor 1850.

Geschossgesimse Biberschwanz
Geschossgesimse Strangdachziegel

Historische Hofarchitektur im Südburgenland – Giebelfrontenhäuser – „Symmetrieproblem“ der Schaufassade

Bei den Giebelfrontenhäusern (z.B.: beim Streckhof) führte die bereits erwähnte
vorgezogene Traufe bzw. später der Arkadengang zu einem „Symmetrieproblem“, da sich die Symmetrieachse im Giebelfeld verschiebt und dadurch die Achsen nicht mehr in einem harmonischen Abstand zueinander liegen.

Symmetrieproblem erklärt

Die Bauern lösten dieses Problem später durch das Hinzufügen einer Kammer an der
Stube, welche ein harmonisches Erscheinungsbild der Schaufassade ermöglichte.
Dadurch läuft der Arkadengang aber nicht mehr bis zur Straßenseite des Hauses,
sondern beginnt erst ab der Höhe der Küche. Die Schaufassade kann so i.d.R. drei
Fensterachsen aufnehmen.
Es gibt auch eine Variante mit 4 Fensterachsen, die insgesamt etwas breiter ist und somit repräsentiver ist (somit nur den reichsten Bauern vorenthalten war). Bei diese werden die Stube und die Kammer durch zwei Zimmer ersetzt.

Man kann also durch die Anzahl der Fensterachsen auf die Anzahl der Innenräume
schließen. In Oberwart gibt es beide Varianten zu besichtigen:

3 – und 4- achsige Akradenhöfe in Oberwart
Zimmerabfole eine Folge der Fassadenaufteilung

Bei einigen älteren Bauten gibt es einen Durchgang bis an die Schaufassade, wobei das
„Symmetrieproblem“ erstaunlicherweise nie gelöst wurde. Dieser Typus ist für Ungarn
typisch, findet sich aber auch bei den besonders alten Arkadenganghäuser im Bezirk
Oberwart. (z.B.: Siget oder Jabing)

Altes Arkadenhaus in Jabing, Ungarischer Typus, Fassade zu Gunsten breiterer Stube bzw. schmäleren Arkadengang verschoben, rechts Fotomontage mit korrigierten Achsen

In Sankt Martin an der Wart fand ich ein Beispiel, wo der Arkadengang auch bis zur
Straßenfassade läuft, jedoch zugunsten der Symmetrie keine Tür sondern ein Fenster
eingebaut wurde.

besagtes Haus in St. Martin

Historische Hofarchitektur im Südburgenland – Allgemeines zur Fassadengestaltung

Wie bereits erwähnt lassen sich die Schaufassaden im südlichen Burgenland hauptsächlich in das Giebelfrontenhaus (z.B Streckhof) und das Breitfassadenhaus (bzw.  das sich daraus entwickelte Kniestockhaus) einteilen.

Aufgrund dieser Dualität habe ich auch die Analyse in diese zwei Kategorieren unterteilt, selbst wenn in der Praxis natürlich nicht so einfach eine Trennung zwischen den beiden Typen hergestellt werden kann. Natürlich gibt es Überschneidungen, so treten gewisse Elemente oder Details bei beiden Typen auf (z.B.: Mörtelschnittfassade). Aus meinen vor Ort vorgefundenen Tatsachen kann ich aber sehr wohl beurteilen, wo gewisse Elemente häufiger vorkommen und sie so einem Typus zuordnen.

Zuvor will ich aber einen Typ-übergreifenden Überblick geben und allgemein die Schaufassaden betrachten:
Generell zeigt sich ein Nord-Süd-Gefälle in der Ausführung der Ornamentik der Schaufassaden bei Bauten vor 1900, wobei es sich meist um Giebelfrontenhäuser handelte. Während im Süden Ornamente des Klassizismus und des Historismus bereits früh am Giebelfrontenhaus (z.B.: Oberwart) auftreten, sind die Verzierungen im Norden in der Regel viel schlichter (Ausnahme: die barocken Volutengiebel).

Nach 1900 dominierte dann des Breitfassadenhaus (Kniestockhaus) das Dorfbild in ganz Burgenland und somit trat überall im Burgenland auch ähnlicher Dekor auf.

Die Struktur der Fassade lässt auch eine zeitliche Einteilung zu:
Die Fassade alter Höfe vor 1850 wurde weiß belassen (reinweiss gekalkt), nur schlichte Putzbänder gliedern die Fassade (Fensterfaschen und eine Einrahmung des Einfahrttores bei Breitsfassadenhäusern). 

„Heimathaus“, Unterwart 20
Bauernhaus, Unterschützen

Schon bald finden sich auch Lisenen, Gesimse, Pilaster, Flächenteilungen und ähnliche
Elemente an der Fassade, welche aber zuerst weiterhin weiß belassen wurde.

Bauernhaus, Unterschützen
Bauernhaus St. Martin i. d. Wart
Arkadenhaus, Oberwart

Ab dem frühen 19.JH werden Tektonik und Plastizität der hervortretenden Gliederungen
durch eine farbliche Trennung stärker hervorgehoben.

Bauernhaus, Untermühl, Olbendorf
Bauernhaus, Kemeten

Wie so oft waren die Kirchen die primären Vorbilder für die Fassadengliederung. In Ober- bzw Unterwart sieht man auch heute noch ähnliche Fassadengliederungen an den benachbarten Häusern.

Unterwart

Beeinflusst durch die städtische und sakrale Architektur kam auch die Farbe ins Leben der Bauern (z.B.: das Schönbrunner-Gelb und Grün). Das Breitfassadenhaus wurde erstaunlicherweise meist weiterhin weiß gekalkt und erst nach der Einführung des Kniestockhaus gefärbt.Zumindest fand ich nur sehr selten Breitfassadenhäuser ohne Kniestock, die gefärbt waren.

Bevor die Transformation zum städtischen Hof vollzogen war, fand sich immer eine eklektische Auswahl an städtischen Elementen an den Fassaden, zb die Ortquaderung.

Fassade in Oberwart, Breitfassade in Grafenschachen

Eine Besonderheit im Oberwarter Bezirk stellt die Mörtelschnittfassade des 19.JH. dar, welche vorrangig bei den Breitfassadenhäusern auftritt. Auf diese Technik werde ich in einem späteren Blogpost noch eingehen.

Mörtelschnitt in Hochart

Historische Hofarchitektur im Südburgenland – Der „Kniestock“-Wohntrakt

Mit dem „Kniestock-Hof“  Kniestock Kniestockwand, Aufmauerung, Drempel: „Fortsetzung des Mauerwerks des obersten Vollgeschoßes. Zahlreiche Dächer wurden aus architektonischen Gründen, aber auch aus dem Wunsch heraus den Dachraum besser nützen zu können, mit einem sogannten Kniestock ausgeführt. Als Kniestockhöhe wird der vertikale Abstand zwischen der Oberkante der obersten Rohdecke und der Unterkante der Mauerbankverstanden.“ (D(N)ACHHALTIGKEIT GRAZ, Forschungsbericht, Institut für Holzbau und Holztechnologie – Technische Universität Graz, 2011)
– einer weiterentwickelten Form des „Breitfassadenhauses“ – erlebte das Bauernhaus Ende des 19. Anfang des 20.JH. eine letzte Blütezeit, bevor es nach den Weltkriegen zu einem Zusammenbruch der bäuerlichen Wohnkultur kam. (Zur Entwicklung des Breitfassadenhauses siehe einen meiner vorherigen Blogeinträge)
Man findet diesen Typus heute noch häufig in Dorfzentren mit geschlossener Bebauung in non-alpinen Regionen. Im Südburgenland ist er überall zu finden, jedoch fand ich ist das Kniestock-Haus gefühlt häufiger im Bezirk Jennersdorf bzw. Güssing vor als im Bezirk Oberwart.

Kniestockhaus, Dobersdorf
Kniestockhaus in Baumgarten, Niederösterreich

Es ist ein Breitfassadenhaus, welches durch den Ausbau eines Kniestockes eine höhere
Fassade erhält und dadurch einen größeren Dachraum.
Charakteristisch dafür sind die Lüftungsluken unter dem Gesimse der Traufe und eine
überschwängliche, historisierende Fassadengestaltung
.

Kniestockhaus, Heiligenkreuz i. L.

Immer wieder finden sich heutzutage auch Kniestockhäuser mit einer
einfachen Dekor-losen Fassaden bzw. wurden sie durch Revitalisierungen ihrer
ursprünglichen Form beraubt. Diese Häuser sind einem neuen Zeitgeist unterworfen und
nicht mehr Teil meiner Betrachtungen.

Kniestockhaus, Kukmirn
Kniestockhaus, Kukmirn

Das Kniestockhaus kann eindeutig als stärkste Ausprägung städtischen Einflusses im
Burgenland angesehen werden: Es handelt sich um eine direkte Imitation bürgerlicher Stadthäuser der Gründerzeit (Zinshäuser) und wurde durch Architekten, welche ebenso in
den Städten arbeiteten, ins Burgenland importiert. In Wien, aber auch den restlichen Städten Österreichs, finden sich heutzutage noch viele Gebäude dieses Typs mit sichtbaren Lüftungsluken. 

Zinnshaus Wien

In Deutschland war dies jedoch auch beim Bauernhaus früh eine gebräuchliche Art zu bauen. (Ersten bäuerlichen DrempelHäuser“/Kniestockhäuser in D. waren die Lothringerhäuser im Saarland ab dem 17.JH.)

Brandenburgische Bauernhaus, 1860, http://www.fotografiearchitektur.de/dorfentwicklung_in_brandenburg_1.html
Brandenburg Bauernhaus, Ende 19 JH https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Bauernhaus-Wildenau.jpg abgerufen am 08.03.2017 

Daher könnte man schlussfolgern, dass der bekannte Zuzug der „Deutschen“ ins Burgenland hier einen Einfluss auf die  Baukultur hatte.
Da der Hauptteil der deutschen Einwanderung aber bereits im 17JH. erfolgte, ist es eher
unwahrscheinlich. Nur die sogenannten Donauschwaben-Einwanderung nach Ungarn (Ende 17JH. bis Ende 19JH.) könnte an dieser Entwicklung teilgehabt haben– das Kerngebiet dieser Auswanderung war aber weiter östlich in Ungarn.
Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Donauschwaben

Viel plausibler ist der Ursprung dieser Bauform mit den Lüftungsluken in Italien zu suchen, da der Typus erstmalig an den Villen und Bürgerhäuser der italienischen
Renaissance auftauchte u.A. auch um das Hauptgebälk breiter auszuführen. So waren die
Städte des Königreich Lombardo-Venetion (z.B.: Udine) bis 1866 ein Teil des
österreichischen Kaiserreiches maßgeblich für die österreichische Architektur. (siehe
auch Eintrag über den Arkadengang)

Villa Farnesina, Caprarola,
ein typischer Renaissance-Palazzo

Durch die italienischen Handwerker (v.A aus dem Friaul!) kam diese Bauform nach
Österreich-Ungarn. Diese Zog es zur Zeiten des Ringstraßenbaues in Scharren nach Österreich. Ein zeitgenössischer Statistiker schätzte die Zahl der Einwanderer aus dem Friaul im Jahr 1857 auf bis zu 10.000.
Wahrscheinlich waren es jedoch bedeutend mehr, denn ihre geringe Ortsgebundenheit
erschwerte ihre Erfassung. Aus dem Friaul kamen in der Monarchie ebenso fachkundige
Maurer wie ungelernte Erdarbeiter. Auch aus den Nicht-Habsburgischen italienischen
Regionen kamen viele Arbeitsmigranten. Im Jahr 1909 hielten sich mehr als 26.000 Wanderarbeiter mit italienischer Staatsbürgerschaft in Wien auf. https://www.wien.gv.at/wiki/index.php/Ringstra%C3%9Fe_(Arbeiterschaft), abgerufen am 16.02.2017 

Diese Fensterluken haben im Gegensatz zu ihren Stadt-Pendants , wo diese nur der reinen Durchlüftung und der Fassadengliederung dienen, eine sehr wichtige Funktion:
So wurde der Dachraum am Bauernhof als Lager für das Getreide (Schüttboden) verwendet.
Diese Form der Architektur begünstigte somit die Querlüftung und machte eine
effektivere Lüftung des Dachraumes möglich. Früher konnte man den Dachraum nur durch die Fenster am Giebel bzw. durch Ziegelgitter oder konstruktiv aufwändige bzw. durch Wassereintritt gefährdende offene Gaupen bzw. Dachöffnungen belüften. Diese
Formensprache konnte der Bauer also sehr leicht zu seinen Gunsten adaptieren.

Dachbelüftung Giebelfrontenhaus, Jabing
Dachbelüftung Kniestockhaus, Weichselbaum


Historische Hofarchitektur im Südburgenland – Laubengang/Arkadengang

Der ungarische Einfluss zeigt sich in der „Warth“, jenem Gebiet um Oberwart, wo sich die ungarischen Grenzwächter ansiedelten. In diesem Gebiet kam es zur Perfektionierung des Arkadengangs mit gedrungenen Säulen bzw. Pfeilern, welchen ich fortan als „OberwarterTypus“ bezeichne: Dieser Arkadengang ist eine hochentwickelte Form der gedeckten Traufe und ersetzte damit die „Gredn“ des Holzblockbaus.

Arkadenhaus, Grazerstraße, Oberwart 2016 (Dach bereits ausgebaut)

Man findet ihn in ähnlicher Form auch in Niederösterreich und dem restlichen Burgenland, jedoch fehlt hier meist die durchgehende abschließende Mauerbank und die Länge variiert. (Im Weinviertel wird diese Form „Trettn“ genannt)

https://www.dreamstime.com/old-lower-austrian-farm-weinviertel-its-patio-weinviertel-place-under-arcades-called-trett-n-old-lower-image142717251

Die meisten dieser Art dürften jedoch nicht aus Prestigegründen erbaut worden sein und zeigen daher eine einfachere unharmonischere Ausführung  Die bäuerliche Baukunst des Burgenlandes, Reinhold Harlfinger, Dissertation TU Wien, 1978, S.8 

Historische Hofarchitektur im Südburgenland – Dach- und Giebelform

Im Südburgenland gab es zwei primäre Dachformen für den Wohntrakt: Das
Schopfwalmdach und das Satteldach.
Beim Holzblockbau vor dem 19JH. wurde das Strohdach wohl auf Grund der geringeren Angriffsfläche für Regen als Schopfwalmdach ausgeführt. Mit Einführung des Dachziegels wurde diese Dachform auch auf das Ziegeldach übertragen. Im Massivbau wurde das Schopfwalmdach häufig nur über der Schaufassade errichtet, was auf einen dekorativen Zweck schließen lässt, da es diese Fassade betont bzw. bekrönt:

Unterwarter Heimathaus, aufgenommen am 24.02.2017

Das Satteldach findet man im Bezirk Oberwart, im Gegensatz zum Bezirk Güssing und
Jennersdorf bzw. dem restlichen Burgenland bei Bauten bis ~1930 eher selten.
In diesen beiden anderen Bezirken wurde ein Satteldach dagegen schon früher dem
Wohntrakt aufgesetzt, womöglich da diese Bezirke sich stärker an der Krain’ischen (steiermarkischen) Bauweise orientiert haben, wo diese Dachform bereits vorherrschend war.
Davon zeugen auch die „Kellerstöckl“ im Südburgenland, welche mit dem Satteldach
eigentlich eine sehr typische Bauform der südlichen Steiermark darstellen.
Typisch für das Burgenland waren jedoch die strohgedeckten Weinkeller mit abgeschopftem Dach, aber um 1900 treten auch hier bereits Satteldächer auf. (Auch bei Keller im Blockbau!)

Historische Hofarchitektur im Südburgenland – Begriffserklärung: „Die Gredn“

Da die Bauern ihre Arbeit im Trockenen verrichten wollten und aufgrund der Tatsache, dass im Urtypus des süd- bzw. mittelburgenländischen Bauernhauses alle Räume nur von außen erschlossen wurden, springt die Traufe an der Hofseite hervor und überdacht die sogenannte „Gredn“: Dieser mit Stampflehm befestigte Weg entlang der Hausfassade ermöglichte dem Bauern die Erschließung der Räume des Wohntraktes und des Wirtschaftstraktes bzw. konnte er auch als überdachte Arbeitsfläche verwendet werden. Im Nordburgenland wurde die innere Erschließung der Räume schon seit eher durch die sogenannte „Labm“ (Laube) ermöglicht, daher kam es nicht zu einer Ausprägung einer Gredn. später zeigt sich die Labm im ganzen Burgenland.

Bauernhaus im Freilichtmuseum Bad Tatzmannsdorf, Gredn markiert, 2013
Gredn mit Grednbaum, Gerersdorf 2013

Historische Hofarchitektur im Südburgenland – Allgemeines zur baulichen Form

Generelles Erscheinungsbild

Die Häuser des Burgenlands gehören der Gruppe der „außer-alpinen Höfe“ an, welche – im Gegensatz zu den alpinen Höfen – durch die geschlossene Verbauung der Dörfer geprägt sind. D.h.: die Höfe haben immer Rücksicht auf den danebenliegenden Hof zu nehmen und die Gefahr eines Großbrandes ist höher. Diese geschlossene Dorfstruktur ist eines der wesentlichen Gestaltungsmerkmale burgenländischer Dörfer.

z.B.: Schützen am Gebierge verdeutlicht dies sehr schön: https://www.schuetzen-am-gebirge.at/

Es gab aber auch Mischformen z.B.: die südburgenländischen „Berglerhäuser“, welche meist etwas abseits auf einem Hügel standen, d.h. nicht in einer geschlossenen Dorfstruktur integriert waren.

Die für das Burgenland typischen Haustypen sind der Streckhof, der Hakenhof, der
Zwerchhof Zwerchhof kommt von „Zwerch-umi“ bauen, was meint, dass man noch Räume an die Toreinfahrt anschließend gebaut hat 
der Drei- bzw. Vierseithof. Diese bauten waren früher aufgrund der Baumaterialien und – techniken immer ebenerdig. siehe s.26 in Burgenland, Bau- und Wohnkultur im Wandel, Vera Mayer, Verlag der österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien, 1993, Natürlich wurde der Dachboden aber als Lagerfläche genutzt.

Hofformen im Südbgld

Bei dem Streck- und Hakenhof ist i.d.R. die Giebelseite Schaufassade, da diese durch die Bauweise die von der Straße ersichtlichste Fläche ist. Diese Typen nennt man auch Giebelfrontenhaus.
Auch beim Zwerchhof kann die Giebelseite des Wohntraktes verziert sein, wenn der Hof nicht in einer völlig geschlossenen Bebauung steht.

Streckhof in Oberwart, aufgenommen 2016 – ein typisches Giebelfrontenhaus

Historische Hofarchitektur im Südburgenland – Entwicklung zum städtischen Bauerhaus

Während meines Architekturstudiums hatte ich die Möglichkeit, viel über die historische Architektur meiner südburgenländischen Heimat zu recherchieren. So entstanden zwei umfangreiche Arbeiten, welche ich beide unter der Aufsicht von Ao.Univ.Prof.i.R. Dipl.-Ing. Dr.techn. Erich Lehner erstellte.

In der einen Arbeit beleuchte ich den Umgang des Denkmalschutzes mit diesen Bauten, jedoch mit Fokus auf den verwendeten Baustoff Lehm, daher lautet der Titel auch Denkmalschutz und Denkmalpflege von Lehmbauten im SüdburgenlandInstitut für Baugeschichte, TU Wien, 2013

Die andere, während dem Master entstandende Arbeit widmet sich den speziellen architektonischen Merkmale dieser Höfe mit dem Titel “ Regionale Besonderheiten des Erscheinungsbildes und Dekors bäuerlicher Architektur im Südburgenland des 19. und 20. JahrhundertsInstitut für Baugeschichte, TU Wien, 2017

Trotz großen Umfangs stellen beide „nur“ einfache Seminararbeite dar, daher sind sie nicht öffentlich zugänglich (außer evtl man fragt am Institut nach)

Da mich persönlich diese Thematik nie losgelassen hat und ich auch persönlich gerne so ein Haus sanieren und darin wohnen wollen würde, dachte ich mir, ich arbeite diese Abhandlungen neu auf und stelle sie in weiterer Folge in Form einiger Beiträge auf diesem Blog sukzessive online. Leider unterliege ich Online anderer Bildrechte, somit muss ich auf ein paar Abbildungen verzichten.

Vielleicht stößt ja der ein oder andere Liebhaber einmal auf diese Seiten und erfreut sich meiner damaligen Recherche.

Beginnen möchte ich mit der historischen Entwicklung vom einfachen funktionsgebundenen Bauernhaus zum prächtigen geschmückten („städtischen“) Hof.

Das Bauernhaus vor 1848

Die Bauernhäuser vor 1848 – meistens in Holz-Blockbauweise ausgeführt – hatten primär Schutzfunktion,  Dekor am Haus selbst gab es sehr selten – und wenn, dann nur dezent und immer der Funktion untergeordnet.
Holz konnte man natürlich durch Schnitzen oder Sägen bereits in sehr schöne Formen bringen, jedoch waren die frühen Bauten im Burgenland nie so extrem verziert wie im westlichen Österreich. So findet man im Inneraum älteren Bauten öfters eine schöne Zimmermannsrosette oder Jahrezahl am „Durchzugsbaum“- im Außenraum und somit für Jedermann ersichtlich höchstens kreativ-ausgestaltete Blockholzverbindungen.
Jahreszahl in einem von mir besuchten Hof
Denn primär erfolgte die Ausschmückung im Innenraum in Form kunstvoll verzierter Möbel. Sicherlich konnte man noch im 20Jh auf gut-Glück ein unscheinbares Bauernhaus betreten und in der Stube eine kunstvoll gefertigte Truhe finden. Die sogenannte Volkskunst wurde vom Bauern weitgehend selbst erledigt. Im Winter fand man genügend Zeit, sich mit Schnitzereien und Ähnlichem zu beschäftigen.
Diese Form des Dekors war also sehr introvertiert und hatte nach Außen keine repräsentative Wirkung. Ein Schmuck am eigenen Haus in Form von Bemalung oder Ornamenten war mit den damaligen Mitteln einfach nur schwer umsetzbar. Natürlich glich so ein Haus dem andern. Verstärkt duch das „weissen“ (mit Kalkmilch eingelassene Fassade) enstand so ein homogenes Dorfbild, wo einzig die verschiedenen Naturfarben der Materialien Holz, Stroh und Kalk das äußere Erscheinungsbil prägten. (Sicherlich gab es hier aber auch ein paar Ausreißer, zb hölzenern Giebel der Häuser in Göcsej, nahe der burgenländische Grenze in Ungarn, wurden bereits früh bemalt.)
Typisches Bauernhaus im Freilichtmuseum Bad Tatzmannsdorf 2013, bis ins 19 Jh. verbreitet, Blockbau
Rein die örtliche Kirche ragte aus dieser Masse heraus. Ihr kam die Rolle des architektonischen Schmuckträgers im Dorf zuteil und sie musste daher besonders prachtvoll gestaltet sein. Vor allem im östlichen Teil des Reiches der österreichischungarischen Monarchie wurden die Gotteshäuser gemeinsam durch den Adel und Bauern finanziert.(Ungarische Volkskunst, Tamas Hofer und Edit Fel, Henschelverlag, Berlin 1981, S.35 und 36) Neben den Kirchen entwickelte sich im Umfeld von Schlössern und später auch Gutshöfen aber bereits ausgeprägtere Architektur. Dies resultierte daraus, da es im Umkreis zu einer Zunahme nicht-bäuerlicher Bevölkerung kam. Sie bekam Grund und Boden von der Grundherrschaft, sodass es ihnen möglich war, eigene Häuser (Huldenhäuser, Kurialhäuser – Eisenstadt 1841) zu errichten. Die bäuerliche Baukunst des Burgenlandes, Reinhold Harlfinger, Dissertation TU Wien, 1978, S. 12