Historische Hofarchitektur im Südburgenland – Der „Kniestock“-Wohntrakt

Mit dem „Kniestock-Hof“  Kniestock Kniestockwand, Aufmauerung, Drempel: „Fortsetzung des Mauerwerks des obersten Vollgeschoßes. Zahlreiche Dächer wurden aus architektonischen Gründen, aber auch aus dem Wunsch heraus den Dachraum besser nützen zu können, mit einem sogannten Kniestock ausgeführt. Als Kniestockhöhe wird der vertikale Abstand zwischen der Oberkante der obersten Rohdecke und der Unterkante der Mauerbankverstanden.“ (D(N)ACHHALTIGKEIT GRAZ, Forschungsbericht, Institut für Holzbau und Holztechnologie – Technische Universität Graz, 2011)
– einer weiterentwickelten Form des „Breitfassadenhauses“ – erlebte das Bauernhaus Ende des 19. Anfang des 20.JH. eine letzte Blütezeit, bevor es nach den Weltkriegen zu einem Zusammenbruch der bäuerlichen Wohnkultur kam. (Zur Entwicklung des Breitfassadenhauses siehe einen meiner vorherigen Blogeinträge)
Man findet diesen Typus heute noch häufig in Dorfzentren mit geschlossener Bebauung in non-alpinen Regionen. Im Südburgenland ist er überall zu finden, jedoch fand ich ist das Kniestock-Haus gefühlt häufiger im Bezirk Jennersdorf bzw. Güssing vor als im Bezirk Oberwart.

Kniestockhaus, Dobersdorf
Kniestockhaus in Baumgarten, Niederösterreich

Es ist ein Breitfassadenhaus, welches durch den Ausbau eines Kniestockes eine höhere Fassade erhält und dadurch einen größeren Dachraum.
Charakteristisch dafür sind die Lüftungsluken unter dem Gesimse der Traufe und eine überschwängliche, historisierende Fassadengestaltung
.

Kniestockhaus, Heiligenkreuz i. L.

Immer wieder finden sich heutzutage auch Kniestockhäuser mit einer
einfachen Dekor-losen Fassaden bzw. wurden sie durch Revitalisierungen ihrer ursprünglichen Form beraubt. Diese Häuser sind einem neuen Zeitgeist unterworfen und sind nicht mehr Teil meiner Betrachtungen.

Kniestockhaus, Kukmirn
Kniestockhaus, Kukmirn

Das Kniestockhaus kann eindeutig als stärkste Ausprägung städtischen Einflusses im Burgenland angesehen werden: Es handelt sich um eine direkte Imitation bürgerlicher Stadthäuser der Gründerzeit (Zinshäuser) und wurde durch Architekten, welche ebenso in den Städten arbeiteten, ins Burgenland importiert. In Wien, aber auch den restlichen Städten Österreichs, finden sich heutzutage noch viele Gebäude dieses Typs mit sichtbaren Lüftungsluken. 

Zinnshaus Wien

In Deutschland war dies jedoch auch beim Bauernhaus früh eine gebräuchliche Art zu bauen. (Ersten bäuerlichen DrempelHäuser“/Kniestockhäuser in D. waren die Lothringerhäuser im Saarland ab dem 17.JH.)

Brandenburgische Bauernhaus, 1860, http://www.fotografiearchitektur.de/dorfentwicklung_in_brandenburg_1.html
Brandenburg Bauernhaus, Ende 19 JH https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Bauernhaus-Wildenau.jpg abgerufen am 08.03.2017 

Daher könnte man schlussfolgern, dass der bekannte Zuzug der „Deutschen“ ins Burgenland hier einen Einfluss auf die  Baukultur hatte.
Da der Hauptteil der deutschen Einwanderung aber bereits im 17JH. erfolgte, ist es eher unwahrscheinlich. Nur die sogenannten Donauschwaben-Einwanderung nach Ungarn (Ende 17JH. bis Ende 19JH.) könnte an dieser Entwicklung teilgehabt haben– das Kerngebiet dieser Auswanderung war aber weiter östlich in Ungarn.
Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Donauschwaben

Viel plausibler ist der Ursprung dieser Bauform mit den Lüftungsluken in Italien zu suchen, da der Typus erstmalig an den Villen und Bürgerhäuser der italienischen Renaissance auftauchte u.A. auch um das Hauptgebälk breiter auszuführen. So waren die Städte des Königreich Lombardo-Venetion (z.B.: Udine) bis 1866 ein Teil des österreichischen Kaiserreiches maßgeblich für die österreichische Architektur. (siehe
auch Eintrag über den Arkadengang)

Villa Farnesina, Caprarola,
ein typischer Renaissance-Palazzo

Durch die italienischen Handwerker (v.A aus dem Friaul!) kam diese Bauform nach Österreich-Ungarn. Diese Zog es zur Zeiten des Ringstraßenbaues in Scharren nach Österreich. Ein zeitgenössischer Statistiker schätzte die Zahl der Einwanderer aus dem Friaul im Jahr 1857 auf bis zu 10.000.
Wahrscheinlich waren es jedoch bedeutend mehr, denn ihre geringe Ortsgebundenheit erschwerte ihre Erfassung. Aus dem Friaul kamen in der Monarchie ebenso fachkundige Maurer wie ungelernte Erdarbeiter. Auch aus den Nicht-Habsburgischen italienischen Regionen kamen viele Arbeitsmigranten. Im Jahr 1909 hielten sich mehr als 26.000 Wanderarbeiter mit italienischer Staatsbürgerschaft in Wien auf. https://www.wien.gv.at/wiki/index.php/Ringstra%C3%9Fe_(Arbeiterschaft), abgerufen am 16.02.2017 

Diese Fensterluken haben im Gegensatz zu ihren Stadt-Pendants , wo diese nur der reinen Durchlüftung und der Fassadengliederung dienen, eine sehr wichtige Funktion:
So wurde der Dachraum am Bauernhof als Lager für das Getreide (Schüttboden) verwendet.
Diese Form der Architektur begünstigte somit die Querlüftung und machte eine effektivere Lüftung des Dachraumes möglich. Früher konnte man den Dachraum nur durch die Fenster am Giebel bzw. durch Ziegelgitter oder konstruktiv aufwändige bzw. durch Wassereintritt gefährdende offene Gaupen bzw. Dachöffnungen belüften. Diese Formensprache konnte der Bauer also sehr leicht zu seinen Gunsten adaptieren.

Dachbelüftung Giebelfrontenhaus, Jabing
Dachbelüftung Kniestockhaus, Weichselbaum

 

Eine Antwort auf „Historische Hofarchitektur im Südburgenland – Der „Kniestock“-Wohntrakt“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert