Die Letzten ihrer Art: „G’satzte“ Streckhöfe in Rotenturm a. d. Pinka

Fährt man in Rotenturm am wunderschön restaurierten Schloss westlich vorbei (Danke Prof. Schinner, dass Sie mein Traumschloss weggeschnappt haben ;)),  stößt man – kurz nach der Volkschule – auf der rechten Seite auf einen stark in Mitleidenschaft gezogenen Streckhof.

Bei näherer Betrachtung wird man an den Schäden feststellen, dass es sich um einen gestampften („g’satztn“) Lehmbau handelt – eine Rarität im Bezirk Oberwart und hier eigentlich nur mehr in Freilichtmuseen und an Kellerstöckl anzufinden.

Ich hatte das Glück 2017 zufällig den Besitzer zu treffen, welcher so freundlich war, mir das Gebäude zu zeigen.

Der Hof ist das alte Elternhaus und bereits die Großeltern wohnten darin. Gebaut dürfte es vor 1900 sein, es erscheint jedoch nicht im franziszeischen Kataster von 1858 und daher ist eine Errichtung in der Zeit dazwischen plausibel.

         

Wir wagten uns auch auf den Dachboden (wovor ich aufgrund des Zustand des Hauses etwas Respekt empfand. ;))

   

Der Wirtschaftstrakt wurde später (1940?) durch einen „moderneren“ Bau ersetzt.

Die Rückseite des Gebäudes ist bereits kollabiert und wurde mit heute üblichen Hochlochziegel ausgebessert.

Letzte Woche entschied ich mich, mit dem Fahrrad zurückzukehren und den Zustand des Gebäudes nach sechs Jahren zu begutachten. Das Gebäude hält sich tapfer und die Schäden scheinen sich nicht verschlimmert zu haben.

Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis auch dieses Gebäude aus dem Ortsbild verschwindet. Sehr schade, denn  – auch wenn dieser Bau vermutlich bereits zum Bauzeitpunkt nichts besonderes war – präsentiert er heute eine traditionelle Bauweise aus vergangener Zeiten und dient als Beispiel für nachhaltiges Bauen und eine Verbindung zur Natur.

Bis vorherige Woche dachte ich, dass es das einzige „gsatzte“ Gebäude um Umkreis sei. Nun hab ich jedoch festgestellt, das der südliche Nachbar auch (zumindest teilweise) in Stampflehm-weise errichtet wurde, was jedoch nur an der Rückseite ersichtlich ist.

Natürlich fehlt diesem Gebäude durch die vielen Umbauten der ursprüngliche „Charme“.

Auch die anschließenden Bauten waren gestampfte Lehmbauten, sie wurden jedoch leider bereits geschliffen wie man auf diesem Google Streetview BIld sehen kann.

Falls Sie, liebe Leserinnen und Leser, das Glück haben, einen solchen gestampften Streckhof zu besitzen, würde ich mich über eine Kontaktaufnahme freuen! Es ist wichtig, dass Besitzer historischer Lehmbauten ermutigt und unterstützt werden, ihre Häuser zu pflegen und zu erhalten, anstatt sie dem Erdboden gleich zu machen. Häufig lassen sich diese Höfe auch modern adaptieren – hier verweise ich z.B.: auf die Arbeit in Niederösterreich von Andi Breuss https://www.andibreuss.at/

Tipp zur Lesbarkeit

…die neusten Beiträge befinden sich ganz oben. Da ich diese aber nach und nach auf Basis meiner Arbeit veröffentliche, macht es am meisten Sinn, mit den ältersten Einträgen zu beginnnen, da sonst einige Begrifflichkeiten vielleicht unklar sind. Scrollen Sie hierfür bitte nach unten und wechseln Sie auf die letze Seite und starten Sie mit dem ältesten Beitrag.

Historische Hofarchitektur im Südburgenland – Giebelfrontenhäuser – Inschriften an der Fassade

Beim Giebelfrontenhaus – wenn vorhanden – befindet sich die Inschrift des Eigentümers, das Erbauungsjahr oder sonstige Zeichen und Sprüche an der Fassade, was durch eine farbliche Fläche oder durch die Putzgliederung betont wurde. Diese wurden hauptsächlich an drei Orten der Fassade angebracht:

1. Zwischen den Dachbodenluken: Hier wird durch das Verbinden der Luken mittels Putzbänder ein Schild erstellt oder ein getrenntes Schild zwischen den Luken platziert. Das losgelöste Schild kann auch als rundes Medaillon ausgeführt sein (ist  auch beim Satteldach häufiger anzutreffen)

Giebelschild Oberwart
Giebelschild Oberwart 2

Diese zwei Beispiele zeigen die  letzten mir bekannten beschrifteten Giebelschilder in Oberwart, welche zusätzlich zu den Initialen und der Jahreszahl in römischer Darstellung auch das vorangestellte „N“ aufweisen. Wie bereits beim Eintrag zum Arkadengang angesprochen, wurden die Bauern in den Kleinadelsstand erhoben – was sich am Giebelschild auch an dem „N“ äußerte, was für „nobilis“ (lat. adelig) bzw. „nemes“ (ung. adelig) steht.
Nachfolgend noch weitere Beispiele für beschriftete Giebelschilder zwischen den Luken:

Giebelschild Bez. Ow

2. Über der Eingangstür: Da die Erschließung meistens über Hof erfolgte bzw. auch bei den giebelseitig-erschlossenen zwischen Lüftungsluken genügen Platz ist, ist diese Variante sehr selten. Nur wenn dieser Platz z.B.: durch ein Ornament bereits belegt war, nutzte man die Fläche über dem Eingang für die Jahreszahlen und Initialen)

Hof Oberschützen

An der Giebelspitze: Diese Variante findet man nur bei einigen Satteldachhäusern um 1930. (v.A. in Siget i. d. Wart, vorher Schopfwalm)

Jahreszahlen Satteldach in Siget

Historische Hofarchitektur im Südburgenland – Giebelfrontenhäuser – Einfahrt/Tor & Eingangstüren

Im Gegensatz zu den Höfen im Nordburgenland spielte das Tor beim Typs des Giebelfrontenhauses im  Südburgenland keine repräsentative Rolle, da schlicht und einfach kein nach vorne orientiertes Tor exisitierte.

Wie berichtet standen im Südburgenland die Giebelfrontenhöfe frei. Nur der Schuppen am hinteren Ende des Hakenhofes hatte ein Tor, um auf die Felder hinter dem Haus zu gelangen – jedoch war dieses Tor immer nur ein einfaches Brettertor ohne wirklichen repräsentativen Charakter.

Toren von rückseitigen Schuppen

Aufgrund dieses fehlenden Elements kam der (sonst verdeckten) Eingangstür die Repräsentationsrolle nach Außen zu teil – anders sind die prächtigen Eingangstüren (vor allem des Oberwarter Arkadenhauses) nicht zu erklären.

Eigentlich zurückversetzt in den Arkaden liegend, stechen diese aufwendig gestalteten Eingangstüren dem Betrachter dennoch sofort ins Auge.

Eingangstüren Oberwart

Historische Hofarchitektur im Südburgenland – Giebelfrontenhäuser – Die Fassade

Bemerkenswert – und vor allem bei den prächtigen Arkadenhäusern in Oberwart anzutreffen – ist die nicht selten gefärbte Schaufassade. Diese Färbung wurde aber an den anschließenden Seiten nicht fortgesetzt (oder nur bis zum Ende des Schmuckgesimses), sodass der restliche Baukörper weiterhin weiß belassen wurde.

Arkadenhöfe Schaufassaden Oberwart, im ersten Bild ist gut der im vorherigen Eintrag erwähnte „Zahnschnitt“ ersichtlich.

Die Farbe Gelb stellte ich bei meinen Besuchen am häufigsten fest. Dieses Gelb spricht wieder für einen Ursprung in der Schlossarchitektur (Schönbrunnergelb).

Die ältesten Arkadenhäuser in Oberwart waren aber alle weiß und relativ schlicht und haben sich am Vorbild der reformierten Kirche orientiert. Richtungsweise war die reformierte Kirche bzw. deren Pfarrhof auch bei den restlichen Gestaltungsmerkmale der Oberwarter Arkadenhäuser wie z.B.: den Pilastern. (selbst der kleine Abstand zum Gesimse zeigt sich an den Häusern)

Gegenüberstellung des reformierten Pfarrhofs in Oberwart (links) mit einem Arkadenhof in Oberwart(rechts)

Abseits der Fassadengliederung durch schlichte Putzelemente wie Lisenen, Faschen und Pilaster gibt es auch schöne Stuckarbeiten an der Fassade, wobei es auch hier eine Differenzierung in der Qualität gibt: So finden sich die amateurhaften, „handgeformten“ Zierelemente und die fachmännisch erstellten Stuckarbeiten, allsamt noch heute in Oberwart anzutreffen.

Stuckelemente Fassaden Oberwart

Bei den jüngeren Giebelfrontenhäuser in der ersten Hälfte des 20.Jh findet man die selbe secessionistische Gestaltung wie bei den Kniestockhäusern. Dem abstrakt geometrischen Historismus ist außerdem zu verdanken, dass das Ornament der Raute – ursprünglich ein Fruchtbarkeitssymbol der Bauerkunst – wieder häufig an der Fassade auftrat. (fand ich nur an Satteldachhäusern, v.a. in Region um Großpetersdorf)

Giebelfrontenhäuser jüngeren Datums (~1930)

Die Mörtelschnittfassade stellt einen Spezialfall/Einzelfall beim Giebelfrontenhaus dar.
Im Gegensatz zu den Nachbarländern Ungarn oder Slowakai, wo diese Technik auch bei diesem Gebäudetypus häufig angewendet wurde, fand ich bei meinen Untersuchungen mit dem- leider vor allem durch den Brand 2013  bekannt gewordenen https://www.meinbezirk.at/oberwart/c-lokales/105-mann-bei-grossbrand-in-aschau-im-einsatz_a741710 – Hakenhof in Aschau nur mehr ein Giebelfrontenhaus im Südburgenland, dessen Fassade mit dieser Technik modelliert wurde.

Der Hof liegt in naher Umgebung zu den anderen bekannten Höfen mit Mörtelschnittfassade, auf welche bei meinem Eintrag zu den Breitfassadenhäusern noch eingegangen werden wird. Auch hier gibt es kein Geschossgesimse und interessanterweise hat man auf ein abgeschopftes Dach verzichtet. 

Hakenhof Aschau

Historische Hofarchitektur im Südburgenland – Giebelfrontenhäuser – Der Giebel

Die Betonung der Giebel erfolgte bei straßenseitigen Giebeln – sie waren das „Gesicht“ des Hauses, welche dem Betrachter zuerst ins Auge fielen.
Wie bereits erwähnt begründet die Dachform die Giebelform. Daraus folgt eine leicht unterschiedliche Ausführung der Giebelflächen:

Giebelformen

Die Höhe, Breite und Platzierung der Lüftungsluken ist also ebenso abhängig von der Dachform.
Gab es beim Trapezgiebel (z.B.: in Oberwart) immer zwei rechteckige Lüftungsluken (nur in Aschau fand ich drei), gab es beim Dreiecksgiebel verschiedene Formen:
Meist brachte man nur ein einzelnes Fenster an, welches insgesamt aber  – durch die verfügbare vertikale Fläche, um einiges größer war als die zwei Luken.

Dreiecks-Giebel im Bez OW, klassische Fenster

Im Gebiet um Großpetersdorf (wo das Satteldach vorherrscht) bevorzugte man bei den jüngeren Bauten um  1900 ein Rundbogenfenster, da sich dieses besonders harmonisch in eine Dreiecksform einschreiben lässt. Auch finden sich vereinzelt Varianten mit mehreren Rundbogenfenstern, welche uns auch bei der Schmalseite der Breitfassadenhäuser begegnen. (späterer Blogeintrag)

Dreiecks-Giebel im Bez. OW, Rundbogenfenster
Dreiecks-Giebel im Bez. OW, multiple Rundbogenfenster

Die zusätzliche Höhe des Dreicksgiebels ermöglichte auch noch das Anbringen einer Heiligenfigur, was ich in Jabing (Gebäude Blogeintrag „Symmetrieproblem“) und Rotenturm vorfand.

Ein erwähnenswertes Detail fand ich bei Häusern mit Dreiecksgiebel im Oberwarter Bezirk, aber auch im Mittelburgenland (Lutzmannsburg):
Durchgehend findet sich hier am Giebel das umlaufende Putzband oder Giebelgesims, welches durch eine Quaste oder Glocke an der Giebelspitze geschmückt wurde.  Der genaue Ursprung lässt sich nicht mehr nachverfolgen. Dieses Schmuckelement ist ein typisches Element des Josphinischen Stils und Zopfstils (Barock unter Joseph II, welcher uns bereits durch die Abschaffung der Leibeigenschaft bekannt ist. Er dürfte einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf das Aussehen der Bauernhäuser gehabt haben) .

Ursprünglich lässt sich dieses Schmuckelement aber bis in die Antike zurückzuverfolgen. Guttae des griechischen Tempels, z.B.:  http://Guttae des griechischen Tempels, z.B.: https://de.wikipedia.org/wiki/Gutta

Es findet sich im Burgenland v.a. an Kirchen und Schlössern.

Quaste / Glockenornamentik am Schloss Kohfidisch an der reformierten Kirche in Oberwart

Interessanterweise erlebte dieses Schmuckelement auch an städtischen Gebäuden stilisiert erst mit dem Secessionsstil seinen Höhepunkt. So verwundert es nicht, dass es oft in überbordender Anzahl bei den bereits erwähnten Bauten um 1900 auftritt.

Secessionistisches Wohnaus Wien & Kellerstöckl Eisenberg

Das älteste von mir gefundene Bauernhaus mit diesem Element ist aber bereits das oft gezeigt Arkadenhaus in Jabing von 1798 (das mit dem „Symmetrieproblem“) – somit könnte dieses Element aber bereits vorher auf das Bauernhaus übertragen worden sein (oder es wurde nachträglich hinzugefügt).

Sehr typisch für das südliche Burgenland ist das profilierte und ab und zu auch mit dem sogenanntem „Zahnschnitt“ versehne Geschossgesimse, welches das Giebelfeld vom darunterliegenden Feld trennt. Findet man Sowohl beim Giebelfrontenhaus, aber auch beim Breitfassadenhaus mit Schmuckgiebel.

Dieses wird ca. 50 cm ums Eck gezogen und findet sich sowohl beim Schopfwalm– als auch beim Satteldach (wobei es aber bei dieser Dachform auch fehlen kann, um eine ganzheitliche Fassadengestaltung zu ermöglichen, siehe Mörtelschnitt-Fassade späterer Blog Eintrag). Dieses Gesimse wurde stets entweder mit  Biberschwanz- oder unverfalzten Strangdachziegeln (Wiener Tasche) eingedeckt. Die letztere Variante findet man durchgehend bei den älteren Bauten vor 1850.

Geschossgesimse Biberschwanz
Geschossgesimse Strangdachziegel

Historische Hofarchitektur im Südburgenland – Giebelfrontenhäuser – „Symmetrieproblem“ der Schaufassade

Bei den Giebelfrontenhäusern (z.B.: beim Streckhof) führte die bereits erwähnte vorgezogene Traufe bzw. später der Arkadengang zu einem „Symmetrieproblem“, da sich die Symmetrieachse im Giebelfeld verschiebt und dadurch die Achsen nicht mehr in einem harmonischen Abstand zueinander liegen.

Symmetrieproblem erklärt

Die Bauern lösten dieses Problem später durch das Hinzufügen einer Kammer an der Stube, welche ein harmonisches Erscheinungsbild der Schaufassade ermöglichte.
Dadurch läuft der Arkadengang aber nicht mehr bis zur Straßenseite des Hauses, sondern beginnt erst ab der Höhe der Küche. Die Schaufassade kann so i.d.R. drei Fensterachsen aufnehmen.
Es gibt auch eine Variante mit 4 Fensterachsen, die insgesamt etwas breiter ist und somit repräsentiver ist (somit nur den reichsten Bauern vorenthalten war). Bei diese werden die Stube und die Kammer durch zwei Zimmer ersetzt.

Man kann also durch die Anzahl der Fensterachsen auf die Anzahl der Innenräume schließen. In Oberwart gibt es beide Varianten zu besichtigen:

3 – und 4- achsige Akradenhöfe in Oberwart
Zimmerabfole eine Folge der Fassadenaufteilung

Bei einigen älteren Bauten gibt es einen Durchgang bis an die Schaufassade, wobei das „Symmetrieproblem“ erstaunlicherweise nie gelöst wurde. Dieser Typus ist für Ungarn typisch, findet sich aber auch bei den besonders alten Arkadenganghäuser im Bezirk Oberwart. (z.B.: Siget oder Jabing)

Altes Arkadenhaus in Jabing, Ungarischer Typus, Fassade zu Gunsten breiterer Stube bzw. schmäleren Arkadengang verschoben, rechts Fotomontage mit korrigierten Achsen

In Sankt Martin an der Wart fand ich ein Beispiel, wo der Arkadengang auch bis zur Straßenfassade läuft, jedoch zugunsten der Symmetrie keine Tür sondern ein Fenster eingebaut wurde.

besagtes Haus in St. Martin

Historische Hofarchitektur im Südburgenland – Allgemeines zur Fassadengestaltung

Wie bereits erwähnt lassen sich die Schaufassaden im südlichen Burgenland hauptsächlich in das Giebelfrontenhaus (z.B Streckhof) und das Breitfassadenhaus (bzw.  das sich daraus entwickelte Kniestockhaus) einteilen.

Aufgrund dieser Dualität habe ich auch die Analyse in diese zwei Kategorieren unterteilt, selbst wenn in der Praxis natürlich nicht so einfach eine Trennung zwischen den beiden Typen hergestellt werden kann. Natürlich gibt es Überschneidungen, so treten gewisse Elemente oder Details bei beiden Typen auf (z.B.: Mörtelschnittfassade). Aus meinen vor Ort vorgefundenen Tatsachen kann ich aber sehr wohl beurteilen, wo gewisse Elemente häufiger vorkommen und sie so einem Typus zuordnen.

Zuvor will ich aber einen Typ-übergreifenden Überblick geben und allgemein die Schaufassaden betrachten:
Generell zeigt sich ein Nord-Süd-Gefälle in der Ausführung der Ornamentik der Schaufassaden bei Bauten vor 1900, wobei es sich meist um Giebelfrontenhäuser handelte. Während im Süden Ornamente des Klassizismus und des Historismus bereits früh am Giebelfrontenhaus (z.B.: Oberwart) auftreten, sind die Verzierungen im Norden in der Regel viel schlichter (Ausnahme: die barocken Volutengiebel).

Nach 1900 dominierte dann des Breitfassadenhaus (Kniestockhaus) das Dorfbild in ganz Burgenland und somit trat überall im Burgenland auch ähnlicher Dekor auf.

Die Struktur der Fassade lässt auch eine zeitliche Einteilung zu:
Die Fassade alter Höfe vor 1850 wurde weiß belassen (reinweiss gekalkt), nur schlichte Putzbänder gliedern die Fassade (Fensterfaschen und eine Einrahmung des Einfahrttores bei Breitsfassadenhäusern). 

„Heimathaus“, Unterwart 20
Bauernhaus, Unterschützen

Schon bald finden sich auch Lisenen, Gesimse, Pilaster, Flächenteilungen und ähnliche Elemente an der Fassade, welche aber zuerst weiterhin weiß belassen wurde.

Bauernhaus, Unterschützen
Bauernhaus St. Martin i. d. Wart
Arkadenhaus, Oberwart

Ab dem frühen 19.JH werden Tektonik und Plastizität der hervortretenden Gliederungen durch eine farbliche Trennung stärker hervorgehoben.

Bauernhaus, Untermühl, Olbendorf
Bauernhaus, Kemeten

Wie so oft waren die Kirchen die primären Vorbilder für die Fassadengliederung. In Ober- bzw Unterwart sieht man auch heute noch ähnliche Fassadengliederungen an den benachbarten Häusern.

Unterwart

Beeinflusst durch die städtische und sakrale Architektur kam auch die Farbe ins Leben der Bauern (z.B.: das Schönbrunner-Gelb und Grün). Das Breitfassadenhaus wurde erstaunlicherweise meist weiterhin weiß gekalkt und erst nach der Einführung des Kniestockhaus gefärbt.Zumindest fand ich nur sehr selten Breitfassadenhäuser ohne Kniestock, die gefärbt waren.

Bevor die Transformation zum städtischen Hof vollzogen war, fand sich immer eine eklektische Auswahl an städtischen Elementen an den Fassaden, zb die Ortquaderung.

Fassade in Oberwart, Breitfassade in Grafenschachen

Eine Besonderheit im Oberwarter Bezirk stellt die Mörtelschnittfassade des 19.JH. dar, welche vorrangig bei den Breitfassadenhäusern auftritt. Auf diese Technik werde ich in einem späteren Blogpost noch eingehen.

Mörtelschnitt in Hochart

Historische Hofarchitektur im Südburgenland – Der „Kniestock“-Wohntrakt

Mit dem „Kniestock-Hof“  Kniestock Kniestockwand, Aufmauerung, Drempel: „Fortsetzung des Mauerwerks des obersten Vollgeschoßes. Zahlreiche Dächer wurden aus architektonischen Gründen, aber auch aus dem Wunsch heraus den Dachraum besser nützen zu können, mit einem sogannten Kniestock ausgeführt. Als Kniestockhöhe wird der vertikale Abstand zwischen der Oberkante der obersten Rohdecke und der Unterkante der Mauerbankverstanden.“ (D(N)ACHHALTIGKEIT GRAZ, Forschungsbericht, Institut für Holzbau und Holztechnologie – Technische Universität Graz, 2011)
– einer weiterentwickelten Form des „Breitfassadenhauses“ – erlebte das Bauernhaus Ende des 19. Anfang des 20.JH. eine letzte Blütezeit, bevor es nach den Weltkriegen zu einem Zusammenbruch der bäuerlichen Wohnkultur kam. (Zur Entwicklung des Breitfassadenhauses siehe einen meiner vorherigen Blogeinträge)
Man findet diesen Typus heute noch häufig in Dorfzentren mit geschlossener Bebauung in non-alpinen Regionen. Im Südburgenland ist er überall zu finden, jedoch fand ich ist das Kniestock-Haus gefühlt häufiger im Bezirk Jennersdorf bzw. Güssing vor als im Bezirk Oberwart.

Kniestockhaus, Dobersdorf
Kniestockhaus in Baumgarten, Niederösterreich

Es ist ein Breitfassadenhaus, welches durch den Ausbau eines Kniestockes eine höhere Fassade erhält und dadurch einen größeren Dachraum.
Charakteristisch dafür sind die Lüftungsluken unter dem Gesimse der Traufe und eine überschwängliche, historisierende Fassadengestaltung
.

Kniestockhaus, Heiligenkreuz i. L.

Immer wieder finden sich heutzutage auch Kniestockhäuser mit einer
einfachen Dekor-losen Fassaden bzw. wurden sie durch Revitalisierungen ihrer ursprünglichen Form beraubt. Diese Häuser sind einem neuen Zeitgeist unterworfen und sind nicht mehr Teil meiner Betrachtungen.

Kniestockhaus, Kukmirn
Kniestockhaus, Kukmirn

Das Kniestockhaus kann eindeutig als stärkste Ausprägung städtischen Einflusses im Burgenland angesehen werden: Es handelt sich um eine direkte Imitation bürgerlicher Stadthäuser der Gründerzeit (Zinshäuser) und wurde durch Architekten, welche ebenso in den Städten arbeiteten, ins Burgenland importiert. In Wien, aber auch den restlichen Städten Österreichs, finden sich heutzutage noch viele Gebäude dieses Typs mit sichtbaren Lüftungsluken. 

Zinnshaus Wien

In Deutschland war dies jedoch auch beim Bauernhaus früh eine gebräuchliche Art zu bauen. (Ersten bäuerlichen DrempelHäuser“/Kniestockhäuser in D. waren die Lothringerhäuser im Saarland ab dem 17.JH.)

Brandenburgische Bauernhaus, 1860, http://www.fotografiearchitektur.de/dorfentwicklung_in_brandenburg_1.html
Brandenburg Bauernhaus, Ende 19 JH https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Bauernhaus-Wildenau.jpg abgerufen am 08.03.2017 

Daher könnte man schlussfolgern, dass der bekannte Zuzug der „Deutschen“ ins Burgenland hier einen Einfluss auf die  Baukultur hatte.
Da der Hauptteil der deutschen Einwanderung aber bereits im 17JH. erfolgte, ist es eher unwahrscheinlich. Nur die sogenannten Donauschwaben-Einwanderung nach Ungarn (Ende 17JH. bis Ende 19JH.) könnte an dieser Entwicklung teilgehabt haben– das Kerngebiet dieser Auswanderung war aber weiter östlich in Ungarn.
Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Donauschwaben

Viel plausibler ist der Ursprung dieser Bauform mit den Lüftungsluken in Italien zu suchen, da der Typus erstmalig an den Villen und Bürgerhäuser der italienischen Renaissance auftauchte u.A. auch um das Hauptgebälk breiter auszuführen. So waren die Städte des Königreich Lombardo-Venetion (z.B.: Udine) bis 1866 ein Teil des österreichischen Kaiserreiches maßgeblich für die österreichische Architektur. (siehe
auch Eintrag über den Arkadengang)

Villa Farnesina, Caprarola,
ein typischer Renaissance-Palazzo

Durch die italienischen Handwerker (v.A aus dem Friaul!) kam diese Bauform nach Österreich-Ungarn. Diese Zog es zur Zeiten des Ringstraßenbaues in Scharren nach Österreich. Ein zeitgenössischer Statistiker schätzte die Zahl der Einwanderer aus dem Friaul im Jahr 1857 auf bis zu 10.000.
Wahrscheinlich waren es jedoch bedeutend mehr, denn ihre geringe Ortsgebundenheit erschwerte ihre Erfassung. Aus dem Friaul kamen in der Monarchie ebenso fachkundige Maurer wie ungelernte Erdarbeiter. Auch aus den Nicht-Habsburgischen italienischen Regionen kamen viele Arbeitsmigranten. Im Jahr 1909 hielten sich mehr als 26.000 Wanderarbeiter mit italienischer Staatsbürgerschaft in Wien auf. https://www.wien.gv.at/wiki/index.php/Ringstra%C3%9Fe_(Arbeiterschaft), abgerufen am 16.02.2017 

Diese Fensterluken haben im Gegensatz zu ihren Stadt-Pendants , wo diese nur der reinen Durchlüftung und der Fassadengliederung dienen, eine sehr wichtige Funktion:
So wurde der Dachraum am Bauernhof als Lager für das Getreide (Schüttboden) verwendet.
Diese Form der Architektur begünstigte somit die Querlüftung und machte eine effektivere Lüftung des Dachraumes möglich. Früher konnte man den Dachraum nur durch die Fenster am Giebel bzw. durch Ziegelgitter oder konstruktiv aufwändige bzw. durch Wassereintritt gefährdende offene Gaupen bzw. Dachöffnungen belüften. Diese Formensprache konnte der Bauer also sehr leicht zu seinen Gunsten adaptieren.

Dachbelüftung Giebelfrontenhaus, Jabing
Dachbelüftung Kniestockhaus, Weichselbaum

 

Historische Hofarchitektur im Südburgenland – Laubengang/Arkadengang

Der ungarische Einfluss zeigt sich in der „Warth“, jenem Gebiet um Oberwart, wo sich die ungarischen Grenzwächter ansiedelten. In diesem Gebiet kam es zur Perfektionierung des Arkadengangs mit gedrungenen Säulen bzw. Pfeilern, welchen ich fortan als „OberwarterTypus“ bezeichne: Dieser Arkadengang ist eine hochentwickelte Form der gedeckten Traufe und ersetzte damit die „Gredn“ des Holzblockbaus.

Arkadenhaus, Grazerstraße, Oberwart 2016 (Dach bereits ausgebaut)

Man findet ihn in ähnlicher Form auch in Niederösterreich und dem restlichen Burgenland, jedoch fehlt hier meist die durchgehende abschließende Mauerbank und die Länge variiert. (Im Weinviertel wird diese Form „Trettn“ genannt)

https://www.dreamstime.com/old-lower-austrian-farm-weinviertel-its-patio-weinviertel-place-under-arcades-called-trett-n-old-lower-image142717251

Die meisten dieser Art dürften jedoch nicht aus Prestigegründen erbaut worden sein und zeigen daher eine einfachere unharmonischere Ausführung  Die bäuerliche Baukunst des Burgenlandes, Reinhold Harlfinger, Dissertation TU Wien, 1978, S.8